Hartmut Bossel, Systemanalytiker, (geb. 1935) aus seinem Buch „Globale Wende“ , veröffentlicht 1998 , S. 169-171:

Wie andere Organismen auch, benötigen Menschen Nahrung (Energie), saubere Luft, Wasser und mineralische Nährstoffe, um zu leben. Außerdem benötigen sie Fasern für Kleidung, Baustoffe und Energie für Bau und Betrieb der Gebäude, Infrastruktureinrichtungen, Fahrzeuge, Produkte und Dienstleistungen, von denen sie abhängen. Die Höhe des materiellen Durchsatzes (Verbrauch pro Person und Jahr) hängt vom Lebensstil, vom Wirtschaftssystem, von der verwendeten Technik, von Kultur und Klima ab. Auf einer gegebenen Landfläche kann unter den örtlichen Bedingungen der geographischen Breite, des Klimas, der Bodenfruchtbarkeit und der geologischen Verhältnisse selbst unter bester Bewirtschaftung nur eine begrenzte Menge an Nahrung erzeugt, eine begrenzte Menge Wasser aufgefangen, begrenzte Menge Ressourcen genutzt, begrenzte Menge an Abfallstoffen absorbiert werden. Das ergibt sich vor allem aus der Tatsache, daß alle diese Funktionen direkt oder indirekt durch die vorhandene Fläche und den begrenzten Eintrag an Solarenergie pro Fläche und Zeiteinheit bestimmt sind. Die (ökologische) Tragfähigkeit kann als die Anzahl von Menschen definiert werden, die nachhaltig in einer bestimmten Region mit einem bestimmten materiellen Lebensstandard und mit einer gegebenen Technik der Ressourcennutzung, der Produktion und der Produktnutzung versorgt werden können.
Für identische Bedingungen wird die Tragfähigkeit höher sein, wenn
1. die materiellen Ansprüche einer Bevölkerung geringer sind, 2. erneuerbare Ressourcen effizienter produziert werden, 3. Abfallstoffe besser absorbiert werden und 4. die Ressourcen sparsamer verbraucht werden.
In einer gegebenen Region können daher mehr Menschen nachhaltig leben, wenn sie
1. vegetarische Fahrradfahrer sind (anstatt fleischfressende Autofahrer) 2. ihre Nahrung im Feldanbau erzeugen (anstatt als Jäger und Sammler im Wald zu leben) 3. ihre Abfälle sammeln und aufarbeiten (anstatt Böden, Flüsse und Atmosphäre zu verschmutzen) 4. in gut wärmegedämmten Gebäuden wohnen und sparsame Heizsysteme verwenden (anstatt offene Feuer in zugigen Hütten).

‚Nachhaltiges Wachstum‘ ist trotz seines ideologischen Reizes für Volks-und Betriebswirte eine physikalische Unmöglichkeit. Es gibt so etwas in der Natur nicht, weil Naturgesetze es nicht erlauben. Wachstum wird schlussendlich immer von verschiedenen Gegenkräften und Beschränkungen abgestoppt, und auch für Humansysteme gibt es keine Ausnahmen von diesem Naturgesetz. Aber es gibt grundsätzlich zwei Wege für den Umgang mit Wachstumsbeschränkungen: Entweder man stellt sich auf das Unvermeidliche ein, indem man sich rechtzeitig an einen nachhaltigen Pfad anpasst, oder man ignoriert die Beschränkungen und riskiert den unvermeidlichen Zusammenbruch früher oder später.
Die gegenwärtige zunehmende Konzentration in Städten, verursacht von Bevölkerungswachstum durch Zuwanderung, überbeansprucht die Möglichkeiten regionaler Umwelten und zerstört schließlich die Voraussetzungen zum Überleben. Diese Probleme werden durch die zerstörerische ökonomische und soziale Dynamik noch verstärkt, die durch zunehmende Arbeitslosigkeit und Verlust an sozialer Sicherheit hervorgerufen wird, bis schließlich die sozialen Spannungen den Siedepunkt erreichen.
Städte können nur durch Ausbeutung des Umweltpotentials von gewaltigen Flächen ihrer Umgebung wie auch vermehrt von zusätzlichen Flächen in anderen Regionen der Erde überleben, die für sie das Wasser liefern, Nahrung erzeugen, ihre Ressourcen ausbeuten - und die Urbanisierung schreitet weltweit in raschem Tempo fort. Die Globalisierung der Märkte würde es nicht geben, wenn es keine Transportmöglichkeiten gäbe, mit denen Waren zu weit entfernten Märkten gebracht werden könnten. Während der globale Informationsaustausch von Ideen und Innovationen für die nachhaltige Entwicklung förderlich sein kann, ist der Massentransport lebenswichtiger Versorgungsgüter von einer Region in eine andere abträglich: Er beeinträchtigt zwangsläufig und zerstört schließlich die Fähigkeit der Region, sich im Rahmen der gegebenen Umweltbeschränkungen selbst zu versorgen. Vom Standpunkt der Nachhaltigkeit aus kann die Steigerung der Abhängigkeit zwischen Regionen nur eine Zunahme der Verwundbarkeit des globalen Systems insgesamt und letztlich den gleichzeitigen Zusammenbruch aller Regionen bedeuten. Zur Klarstellung: Transport und Handel von speziellen Gütern sind beide unentbehrlich, aber Nachhaltigkeit erfordert, dass es insgesamt nur beschränkte Handels- und Transportströme zwischen einzelnen Regionen geben darf.