Auszug aus dem Artikel : "Arbeit an sich und der Welt" von Wilhelm Schmid, Philosoph (geb. 1953),
veröffentlicht am 12. Juni 2005 :

"Die Arbeit ist offenkundig der wunde Punkt der modernen Gesellschaft, Arbeit als Grundlage der Produktion materieller Ressourcen, mit denen der Lebensunterhalt bestritten werden kann. Als zentrales Problem des Lebens in moderner Zeit erscheint, keine Arbeit zu haben. Zwar werden in modernen Gesellschaften des Wohlstands diejenigen, die sich um den Lebensunterhalt nicht selbst bemühen wollen oder können, noch durch ein "soziales Netz" aufgefangen. Was dabei aber nicht aufgefangen werden kann, ist das damit einhergehende Gefühl einer Enteignung des Lebens durch das Freisein von Arbeit. Der Mensch, der nicht mit eigener Arbeit sein Leben führen kann, läuft Gefahr, dieses Leben nicht mehr als sein eigenes zu erfahren, nicht als ihm zugehörig, sondern abhängig von anonymen Instanzen. Aber selbst demjenigen, der noch auf gewöhnliche Weise seiner Arbeit nachgehen kann, stellt sich in wachsendem Maße das Problem, keinen Bezug zur Arbeit zu haben. Ein Grund dafür kann sein, in äußerst komplexen Arbeitsabläufen die Bedeutung des eigenen Beitrags nicht mehr zu sehen, oder aber der Arbeit selbst keine Bedeutung zuzumessen, sie nur als äußerlichen Job zu betrachten, um Geld zu verdienen und "getrennt davon bin ich", eine Abspaltung der Arbeit vom Selbst. Genau in diesen Spalt nistet sich jedoch die Erfahrung von Sinnlosigkeit ein. Wer ohne Sinn lebt, wird zynisch, verachtet die Welt und sich selbst, hasst sich für das, was er tut; eine Art von Selbst-Sabotage. "Was ist der Sinn dessen, was ich mache?"
Eine wachsende Zahl von Menschen in der modernen Gesellschaft sieht keinen Sinn mehr in der Arbeit, in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die Frage nach dem Sinn wirft über die Arbeit hinaus die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens auf: kein Zusammenhang der Arbeit, keiner zwischen Arbeit und Leben, keiner im Leben. Wer nicht nur in der Arbeit, sondern im ganzen Leben keinen Sinn mehr sieht, kann sich selbst mit hartnäckigem "Positivdenken" nicht über die eigentliche Leerstelle hinweghelfen. Der Rückzug auf ein bloßes "Funktionieren" hilft nicht weiter. Wenn es zutrifft, dass Sinn Zusammenhang ist und dass er als solcher Halt zu vermitteln vermag, dann muss die Abwesenheit von Zusammenhängen zwangsläufig zur Erfahrung von Sinn- und Haltlosigkeit führen. Durch Geld ist Sinn nicht zu ersetzen: Materielle Sinn-Zusammenhänge sind weniger ergiebig als ideelle, sie setzen nicht dieselben immensen Energien frei. Wird die Sinnlosigkeit denn nicht verursacht vom Leistungsdruck der modernen Wirtschaft und Gesellschaft, der unerträglich groß geworden ist und die Menschen ruiniert? Aber das zentrale Problem ist nicht, dass der Leistungsdruck wächst, sondern dass die Ressourcen schwinden, ihn auszuhalten. Zu diesen Ressourcen gehört der "Sinn" an erster Stelle. Nun rächt es sich, dass Gesprächspartner für diese Frage oft fehlen, dass, wer die Sinnfrage stellt, als Problemfall abgetan wird. Meist von Menschen, die nur zu gut ahnen, dass diese Frage in Tiefen führen könnte, die sie lieber nicht kennen lernen wollen. Während Sinn unbegrenzte Kräfte freisetzt, macht Sinnlosigkeit kraftlos, ausgebrannt, krank, und spätestens die Krankheit zwingt nun doch zum Nachdenken. Die Erfahrung des "Ausgebranntseins" ist ein zuverlässiger Indikator für die Dringlichkeit der Frage nach Sinn. Ein Burnout entsteht dort, wo jeglicher Sinn zerbricht. Das ist insofern problematisch, als "Sinn" nicht nur die Lebensquelle des Einzelnen, sondern auch der Rückhalt der gesamten Gesellschaft ist; selbst ein "System" kann auf Dauer nicht ohne Sinn existieren.
Das galt für das System des Sozialismus und gilt in gleicher Weise für dasjenige des Kapitalismus. Von heute auf morgen kann die Frage nach Sinn das Leben umstürzen und ganze Systeme zum Einsturz bringen.
Sehr viel hängt daher davon ab, ob der Arbeit und dem Leben Sinn gegeben werden kann oder nicht. Wie weit Arbeit, Leben und Sinn auseinander gedriftet sind, verrät die Rede von einer Work-Life-Balance: Arbeit und Leben, harte Arbeit und Lebensgenuss, Beruf und Familie, Sinnloses und Sinnvolles sollen miteinander zu vereinbaren sein. Aber schon vom Begriff her verweist der angestrebte Ausgleich auf das eigentliche Problem, das zugrunde liegt: Weil Arbeit nicht mehr als Bestandteil eines sinnvollen Lebens wahrgenommen werden kann, muss zwangsläufig nach einer "Balance" beider gesucht werden.
Für jede Arbeit gilt der Grundsatz, dass durch das Arbeiten der Mensch selbst bearbeitet wird. Die Arbeit an etwas, die Art und Weise der Arbeit, die Haltung, mit der gearbeitet wird: all das wirkt auf das Selbst zurück, und dies so sehr, dass auch Charaktereigenschaften davon geprägt und verändert werden. Das geschieht in jedem Fall, die Frage ist nur, ob dies auch so verstanden wird: Arbeit als Möglichkeit, sich zu üben und durch diese Übung und Gewöhnung sich selbst zu gestalten. Dabei handelt es sich um eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Lebensarbeit umfasst über die bereits genannten Aspekte hinaus vor allem die Arbeit am Sinn, zunächst bezogen auf die Arbeit selbst. Wenn Sinn Zusammenhang ist, dann geht es hier darum, Zusammenhänge der eigenen Arbeit, jeder Arbeit, in größerem Rahmen zu sehen und danach zu fragen, ob und gegebenenfalls welche Bedeutsamkeit ihr zukommt, in einem Haus, in einer Institution, in der Gesellschaft.
In Zeiten der Muße, besonders im Urlaub, lässt sich dies besser erkunden als inmitten der alltäglichen Anforderungen. In Frage stehen in erster Linie Zusammenhänge des Wofür : um auf ein Ziel, einen Zweck hin arbeiten zu können, etwa um Verhältnisse zu verbessern, sich und anderen zu helfen. Viele sehnen sich danach, "gebraucht zu werden", und leiden darunter, dass "jeder ersetzbar ist", vor allem durch Maschinen. Zu ersetzen wäre jedoch vor allem das fremdbestimmte "Um zu" durch ein selbstbestimmtes: Um den Zweck der Arbeit nicht von anderen sich vorgeben zu lassen, sondern selbst darüber zu entscheiden, wofür gearbeitet werden soll.
Zum Gegenstand einer eigenen Sinngebung werden ferner soziale Zusammenhänge: Das bedeutet, Beziehungen zu anderen zu suchen und zu pflegen, andere als nur funktionale, wenigstens einige kooperative, im besten Fall freundschaftliche Beziehungen, auch im Arbeitsumfeld im engeren Sinne. Als begrenzt erweist sich demgegenüber die Reichweite ökonomischer Zusammenhänge: Macht die Arbeit für Geld, macht sie in diesem Unternehmen, macht das jeweilige Unternehmen, macht Wirtschaft überhaupt Sinn? Sind die erkennbaren Zusammenhänge ausschließlich ökonomischer Natur, treibt dies regelmäßig Fragen nach ethischen Zusammenhängen hervor, nach einer Bindung der Arbeit und des Wirtschaftens an Werte, an eine gesellschaftliche, soziale und ökologische Verantwortung. Auch Ökonomie kommt nicht umhin, "Sinn zu machen" und kann Menschen dabei nichts vormachen: Nicht proklamierte, sondern nur nachvollziehbare Zusammenhänge kommen für eine nachhaltige Sinngebung in Frage.
Arbeit, welche auch immer, ist kein "Sinn an sich". Sinn gewinnt sie nur im Rahmen von Zusammenhängen, insbesondere mit dem eigenen Leben. In abhängiger Tätigkeit sind es die größere Eigenverantwortung und Möglichkeiten zur Umsetzung eigener Ideen, die zur Aneignung der Arbeit beitragen; am meisten aber die innere Beteiligung, die Investition seiner selbst in die Arbeit.
Eine vollständige Aneignung der Arbeit und deren Integration in die Lebensarbeit scheint jedoch in freier Tätigkeit möglich zu sein. Denn bei dieser Art der Arbeit geht es um die Existenz, sowohl im materiellen als auch im ideellen Sinne.
Es handelt sich um eine riskante Lebensform, aber auch um ein umfassend angeeignetes Leben, eine Form von Selbstmächtigkeit, bei der das Individuum Herr und Sklave seiner selbst zugleich ist.
Bei aller Mühe und Anstrengung kommt damit die mögliche Freude an Arbeit, das Glück, das mit ihr verbunden sein kann, die Arbeit als Erfüllung wieder in den Blick. Erstrebenswert erscheint freilich, in jeder Art von Arbeit Fülle und Erfüllung erfahren zu können. Die Erfahrung der Fülle resultiert aus der vielfältigen Vernetzung mit anderen, die mit Arbeit einhergehen kann und dafür sorgt, nicht allein für sich, sondern "unter Menschen zu sein". Sie resultiert aus der Vielzahl von Erfahrungen, die bei einer Arbeit zu machen sind und den Horizont und den Spielraum des Selbst erheblich erweitern. Und sie resultiert aus den Herausforderungen, die gesucht und angenommen werden, mit denen ein Mensch wachsen und sich um Exzellenz bemühen kann.
Entscheidend ist letztlich die Haltung, mit der wir durchs Leben gehen wollen: Uns von Einflüssen umstellt zu sehen und uns von dieser Sichtweise das Leben rauben zu lassen - oder diesen Gedanken zurückzudrängen, um uns wenigstens zeitweilig frei wähnen zu können und Autonomie schon mal zu erproben, nur für den Fall, dass sie doch einmal hier und da möglich sein sollte. Wenn wir aber jede Möglichkeit von Selbstbestimmung und Selbstverantwortung bezweifeln, haben wir zweifellos ebenfalls eine selbstbestimmte Wahl getroffen - und mit unserer Existenz zu verantworten, denn trotz allem lebt niemand sonst dieses Leben und bringt es auch zu Ende als nur wir selbst. Wenn dies bei einer wachsenden Zahl von Menschen dazu führen könnte, Arbeit und mit ihr das Leben auf veränderte Weise zu verwirklichen, würde letzten Endes auch diese Zeit selbst nicht mehr dieselbe bleiben. Es kann sein, dass wir inmitten einer kritischen Zeit die Geburtsstunde einer anderen Zeit erleben, die eine veränderte, andere Moderne genannt werden könnte. Kennzeichnend für sie wäre, sich nicht mehr ausschließlich nur um Freiheit im Sinne von Befreiung zu bemühen, sondern der erreichten Freiheit endlich auch neue Formen zu geben.
Ist es nicht spannend, mit dem eigenen Leben daran arbeiten zu können, was aus einer Zeit wird?"