John Stuart Mill, englischer Philosoph (1806-1873) Band2, S.394f. (1921) :
"Einsamkeit in dem Sinne, daß man oft für sich allein ist, ist für ein tiefes Nachdenken oder einen tiefen Charakter von wesentlicher Bedeutung; und Einsamkeit in der Schönheit und Größe der Natur ist die Wiege von Gedanken und Eingebungen, die oft nicht nur für den einzelnen vorteilhaft sind, sondern die auch die Menschheit nicht entbehren kann. Auch liegt nicht viel Befriedigendes in der Anschauung, daß die Welt für die freie Tätigkeit der Natur nichts übrig ließe, daß jeder Streifen Landes, der überhaupt zur Hervorbringung von Nahrung für die Menschen fähig ist, auch bestellt werden müßte, daß jedes mit Blumen bedeckte Feld und jede natürliche Wiese umgepflügt, und alle Vierfüßler und Vögel, die nicht zum Gebrauch der Menschen gezähmt sind, als seine Rivalen hinsichtlich der Nahrung vertilgt, daß jeder Strauch oder überflüssige Baum ausgerottet werden und kaum ein Platz übrigbleibt, wo ein wilder Strauch oder einen Blume wächst, ohne daß sie als Unkraut im Namen einer Verbesserung der Landwirtschaft ausgerissen werden. Wenn die Erde diesen großen Teil ihrer Annehmlichkeiten verlieren müßte, den sie jetzt Dingen verdankt, die mit einer unbegrenzten Vermehrung des Vermögens und der Bevölkerung unvereinbar sind, nur zu dem Zweck, um eine zahlreiche, nicht aber eine bessere oder glücklichere Bevölkerung zu unterhalten, so will ich zum Besten der Nachwelt aufrichtig hoffen, daß sie mit dem Ruhezustand zufrieden ist, lang, bevor eine Notwendigkeit sie zwingt, sich mit ihm zufriedenzugeben.
Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß ein Stillstand in der Kapitals-und Bevölkerungszunahme nicht notwendig auch einen Stillstand des menschlichen Kulturfortschritts in sich schließt. Der Spielraum für alle geistige Kultur, für alle sittlichen und gesellschaftlichen Fortschritte würde noch ebenso groß sein, es wäre noch ebensoviel Raum da für die Verschönerung der Lebenshaltung und auch viel mehr Wahrscheinlichkeit für deren Fortschritte, wenn die Gemüter nicht mehr so ausschließlich durch die Sucht, nur wirtschaftlich vorwärtszukommen, in Anspruch genommen wären."

Werner Heisenberg, Physiker (1901-1976) aus seinem Buch 'Das Naturbild der heutigen Physik', (1955), S. 15:
"Früher war der Mensch durch wilde Tiere, durch Krankheiten, Hunger, Kälte und andere Naturgewalten bedroht, und in diesem Streit bedeutete jede Ausweitung der Technik eine Stärkung der Stellung des Menschen, also einen Fortschritt. In unserer Zeit, in der die Erde immer dichter besiedelt wird, kommt die Einschränkung der Lebensmöglichkeit und damit die Bedrohung in erster Linie von den anderen Menschen, die auch ihr Recht auf die Güter der Erde geltend machen. In dieser Auseinandersetzung braucht die Erweiterung der Technik aber kein Fortschritt mehr sein.
Der Satz, daß der Mensch nur noch sich selbst gegenüberstehe, gilt aber im Zeitalter der Technik noch in einem viel weiteren Sinne. In früheren Epochen sah sich der Mensch der Natur gegenüber; die von Lebewesen aller Art bewohnte Natur war ein Reich, das nach seinen eigenen Gesetzen lebte und in das er sich mit seinem Leben irgendwie einzuorden hatte. In unserer Zeit aber leben wir in einer vom Menschen so völlig verwandelten Welt, daß wir überall, ob wir nun mit den Apparaten des täglichen Lebens umgehen, ob wir eine mit Maschinen zubereitete Nahrung zu uns nehmen oder die vom Menschen verwandelte Landschaft durchschreiten, immer wieder auf die vom Menschen hervorgerufenen Strukturen stoßen, daß wir gewissermaßen immer nur uns selbst begegnen.
Sicher gibt es Teile der Erde, wo dieser Prozeß noch lange nicht zum Abschluß gekommen ist, aber früher oder später dürfte in dieser Hinsicht die Herrschaft des Menschen vollständig sein."
"Der Mensch kann machen, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will."

Max Kruse, Schriftsteller (1921-2015) aus seinem Buch 'Im weiten Land der Zeit' , (1998), Nachwort S.492 f:
"Klar, es gibt kein Kapitel, das ich nicht ein wenig anders geschrieben hätte, wenn ich andere Quellen benutzt hätte... Aber man lernt täglich hinzu, täglich verändert sich das Bild. Es ist so vielfältig, dass man schließlich erkennt, dass man eigentlich überhaupt nichts schreiben dürfte, denn im Grunde ist alles unvollständig, ein winziges Steinchen in einem riesigen Kaleidoskop, das ein immer anderes Bild ergibt, wenn man es schüttelt.
Das wird besonders deutlich am Mittelalter, denn gerade diese Zeit lässt zahllose Deutungen zu. Es ist wie ein Chaos, ein Hexenkessel, aus dem sich so etwas wie Ordnung gebähren will, was aber nie richtig gelingt. Nach den großen Reifeprozessen der Antike wurden die Menschen plötzlich wieder kindlich-naiv. Das Mittelalter als die größte Epoche des Glaubens war sicher nicht das Säuglingsalter der abendländlichen Menschheit, vielmehr ein Rückfall in die Kindheit, während wir in der Pubertät leben, in der Zeit des Unbehagens, des Aufbegehrens, der Unfestigkeit, der Erschütterung. Die Reife der Menschheit, das wäre die Festigkeit im Wissen, die Geduld, das Annehmen, das Sich-Abfinden, das Trotzdem-Gestalten. Davon sind wir noch recht weit entfernt. Das Mittelalter ist immer noch erschreckend lebendig; es zeigt sich überall, vor allem im religiösen Fundamentalismus und im esoterischen Aberglauben.
Angesichts so vieler kluger Texte, so vieler gründlicher Analysen und Enthüllungen, die bereits geschrieben wurden, fragt man sich resigniert, was das Wort, was der Verstand, was die Vernunft gegen den Wahn vermögen. Meine Antwort fällt niederschmetternd aus: so gut wie nichts. Manchmal kommt es einem vor, als ob die großen Denker ...bis in unsere Zeit-, als ob diese Köpfe nie gedacht hätten. Denn wie wenige Menschen ziehen daraus durch eigenes Nachdenken Gewinn und eigene Schlüsse. Dabei macht erst die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, ein Geschöpf zum Menschen.
Der Mensch - aus dem Chaos des Universums kommend, steigt aus den schlammigen Wassern, beginnt sich aufzurichten, sich zu artikulieren, wird zum Beherrscher des Feuers, zum Jäger, Ackerbauern, Händler, Bildner, Denker, erobert die Welt bis in den letzten Winkel und lernt, die Natur zu berherrschen und zerstört sie.
Daran könnte er auch zu Grunde gehen, denn er ist ja ein Teil der Natur, und indem er die Natur zerstört, zerstört er sich selbst mit ihr.
Seitdem der Mensch eine Geschichte hat, die er aufzeichnen kann, lebte er immer im Fortschritt, immer in der Gewissheit, auf den Schultern seiner Ahnen zu stehen und weiter gekommen zu sein als diese. Dieses Gefühl muss es früher schon gegeben haben, es wuchs im Zeitalter der Entdeckungen seit dem fünfzehnten Jahrhundert und immer mehr mit den Fortschritten der Naturwissenschaften nach Kopernikus und Galilei. Also nicht nur wir leben in diesem Gefühl, jedoch sehen wir erstmals eine Kehrseite, wissen vom möglichen Untergang.
Ich könnte es noch einfacher sagen: In den meisten Kulturgeschichten wird berichtet und bewundert, aber es fehlt die Kritik im Hinblick auf die Folgen. Der Mensch ist die (bisherige) Krönung der Evolution, das ist nicht sein Verdienst, aber seine Verpflichtung; er ist das Geschöpf ihrer Schrecken und ihrer Schönheit, Träger all ihrer Primitivität und Sensibilität. Er vereinigt in sich das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten. In seiner Vielfalt ist er ihr Kompendium und zugleich ihr Vollstrecker. Deshalb müssen wir alles neu erzählen vor dem Hintergrund des wahrscheinlichen Untergangs, das ganze grausame, geistvolle, herrliche, schöpferische und tödliche Spiel, das die Menschen gespielt haben und spielen, bis sie sich selber und diesen Erdball gleichfalls vernichten.
Oder auch nicht? Wäre es nicht doch auch ein wenig schade um uns?"